Dienstag, 1. Februar 2011

Patriotismus?

Hätte mich vor meiner Kanadareise jemand gefragt, ob ich patriotisch sei, hätte ich ihn vermutlich ausgelacht. Auf dem Weg zur Hochschulreife wurde ich Jahr für Jahr erst an die West- dann an die Ostfront geschickt und an die unrühmliche, junge deutsche Vergangenheit erinnert. Auf den Konzerten, die ich veranstaltet und besucht habe, war man sich auch sicher, dass Hitler eine durch und durch verachtenswerte Person war, doch es ging auch um in die Luft gestreckte Fäuste und Widerstand gegen alles von Postleitzahlen über Polizisten bis hin zum ganzen System.

In Kanada hatte ich dann zum ersten Mal Unterhaltungen, in denen mein Gegenüber nicht verstehen konnte, wie man nicht stolz auf sein Vaterland sein kann. Meine Argumente schienen einleuchtend, aber Kanadier (zumindest die jungen) sind viel zu "open-minded" um auf solch alten Kamellen rumzukauen.

Wenn ich heute an die Möglichkeit denke, den Großteil meines Lebens im Ausland, sagen wir in Kanada, zu verbringen, bekomme ich (seit neuestem) das Gefühl ich könnte meine Heimat vermissen. Und ist das nicht irgendwie patriotisch?

Patriotisch? Was sagt denn (unser aller Lieblingsquelle) Wikipedia dazu?

"Als Patriotismus wird eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation bezeichnet." Ok.

"Im Deutschen wird anstelle des Lehnwortes auch der Begriff „Vaterlandsliebe“ synonym verwendet." Igith!

"Diese Bindung wird auch als Nationalgefühl oder Nationalstolz benannt und kann sich auf ganz verschiedene als Merkmale der eigenen Nation angesehene Aspekte beziehen, etwa ethnische, kulturelle, politische oder historische." Ethnische Aspekte? Nein! Kulturelle Aspekte? NEIN! Politische Aspekte? NEIN, NEIN! Historische Aspekte? NEIN, NEIN, NEIN! Das hilft mir also nicht weiter. Oder ist es einfach nicht Patriotismus was mich momentan beschäftigt? Hoffnung.

Vielleicht ist es einfach Faulheit. In Deutschland lässt es sich einfach leben. Da kann der Otto-Normal-Deutsche so viel jammern, wie er will. Er jammert auf einem unglaublich hohen Niveau. Dazu kommt, dass man sich extrem "dagegen" fühlen kann, ohne eigentlich etwas zu tun. Man kann Bücher und Zeitungen lesen und Musik hören, jeder Zeile zustimmen und sich dabei ganz "links", "alternativ" oder "dagegen" fühlen ohne nur das Bett zu verlassen.

Das ist einfach und der Weg des geringsten Widerstand war in der Vergangenheit gerne die Route, die ich eingeschlagen habe. Doch irgendwie befriedigt mich diese Antwort noch nicht. Doch was ist es dann?

Die Fetzen Geschichte und Kultur, auf die man sich mit mehr Stolz berufen könnte? Gutenberg, Luther, Goethe. Ich weiß nicht, ob das reicht. Natürlich (und "Gott" sei dank) gibt es meine Familie, leben hier viele Freunde. Die, die man schon ewig kennt und in letzter Zeit viel zu selten sieht. Die fünf bis sechs neuen Freunde, die man in einem 400-Kopf-Hörsaal erst mal finden muss. Vielleicht liegt es in diesem Fall einmal nicht an diesen unverzichtbaren Menschen. Ich weiß nicht, was es ist. Vielleicht doch die Faulheit, die ich heute morgen nicht als Grund zählen lassen will.

Ich glaube nicht, dass Nationalitäten eine gute Schublade sind. Ich habe während Reisen so viele Menschen getroffen, mit denen ich Köpfe tauschen könnte und wir würden immer noch die gleichen Gedanken spinnen. Aber sie leben auf einem ganz anderen Flecken Erde, sind in einer anderen Umwelt aufgewachsen, berufen sich auf eine andere Geschichte und die Chance, dass ich sie überhaupt kennenlerne ist minimal. Doch vielleicht werden diese Schubladen bald andere Titel haben, oder der ganze Schrank fällt auseinander.

Immerhin glaube ich, dass uns eine große Veränderung bevorsteht und bin gleichzeitig optimistisch genug, dass wir 2012 und auch 2013 noch erleben. Im Westen scheint es, als schreibe eine Weltmacht selbst ihre letzten Kapitel. Im Osten wird eine riesige Diktatur immer arroganter und (wirtschaftlich) erfolgreicher. In Afrika dient eine Revolution der nächsten als Funkenschlag. In Europa strauchelt eine Währung, wird ein Mediensystem mundtot gemacht und eine noch unentschiedene Unzufriedenheit wächst schon lange, in eine Richtung die sich noch schwer voraussagen lässt. Ich bin sicher, dass sich etwa ändern muss und wird. Nur fühle ich mich heute auch, als ob ich nicht gerade viel weiß.

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